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FOTOGRAFIE
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KOLUMNE
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Seit der Spielzeit 2007 / 2008 schreibt Felix Gattinger regelmäßig die Kolumne “Burghofbühne unterwegs” für die “Rheinische Presse Dinslaken.
Lesen Sie hier das RP Interview mit Felix Gattinger. >>>Seite 1<<< >>>Seite 2<<<
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- Vom...
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VOM VERSPRECHEN, TROTZDEM THEATER ZU MACHEN
Ständig auf Achse, immer unterwegs: Die Burghofbühne kommt viel herum. Was das Landestheater dabei erlebt, erfährt das heimische Publikum nur selten. Um so spannender ist es, einen Blick in das Aufführungsbuch des Theaters zu werfen. In Heinsberg gastierte die Burghofbühne mit “Das Versprechen” von Dürrenmatt. Heinsberg liegt an der holländischen Grenze, südwestlich von Mönchengladbach. Ist eine Kreisstadt und hat 41 522 Einwohner. Die Spielstätt trägt den Namen “Festhalle Oberbruch” und so verhält es sich auch im Übrigen: Das ganze Gebäude ist eine baufällige Bruchböde mit bröckelndem Verputz, kaputter Heizung und maroden Zügen ohne Bremsen, die von Schraubklammern “gesichert” werden. “Ich häng da keine Bäcklights dran” sagt unser Lichttechniker Ronny E. beim Gang über die Bühne, allet gute kommt zwar von oben,...wenn dat aber´ n Scheinwerfer ist...nä?”. Dann doch besser nicht. Was übrigens die Scheinwerfer vor Ort betrifft, so stimmen die angegebenen Wattleistungen keineswegs, da Linsen und Verspiegelungen teilweise erblindet sind. “Kannste als Leselampe benutzen”, sagt der Techniker, als wir an einem Verfolgerscheinwerfer vorbeikommen. Hinter dem Lichtpult steht ein Eimer Zement. Ich blicke kurz zur Decke und möchte gar nicht wissen, warum. Die Frau des Hauptdarstellers Anton S. kommt mit Freunden zur Vorstellung. Wohl angesichts der Mitleid erregenden Spielstätte entschließt sie sich, auf Freikarten und sonstige Ermäßigungen zu verzichten und zahlt den vollen Eintrittspreis. Entwicklungshilfe für Heinsberg. Danke!
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- Lasset...
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LASSET DIE KINDLEIN ZU UNS KOMMEN
Ist das Theater ein sterbendes Medium? Zumindest ist bei unseren Abendstücken der Saal oft nur von älteren Herrschaften besetzt. Der ganze Saal? -Nein! Drei kleine Ortschaften schicken uns abends auch ihre Kinder zu. Heinsberg, Kamp-Lintfort und Isny im Allgäu. Danke Heinsberg! Vor Beginn der Vorstellung lasst ihr die Kinder sich erstmal auf der Straße austoben. Wenn dann einer infolgedessen verarztet werden muß, sind die Anderen derart verstört, dass es im Foyer bereits zu kathartischen Reaktionen kommt, allerdings 10 Minuten nach Beginn der Vorstellung. Zehn weitere Minuten, nachdem man sich bei den Saaldienerinnen einen Nacheinlass durch die knarrende Faltschiebetür erschlichen hat, wird der erste Jugendliche inkontinent und muß sich hilflos einen Weg nach draußen bahnen, während die älteren Herrschaften alle 80 Minuten tapfer durchhalten. doch der Junge tappert auch wieder rein. Schließlich ist er ja kulturell interessiert! Danke Kamp-Lintfort! Zehn junge Menschen hast du uns geschickt, nur achte darauf, dass Du ihnen vorher ein Abendessen gibst! Die Jugendlichen in der Wachstumsphase mussetn sich zu zehnt eine Tüte Chips teilen! Ich weiß der Stadt geht es wirtschaftlich nicht gut, aber wenn es dann während der Vorstellung im saal laut wirdmuss man sich nicht wundern! Danke Isny! Das württembergische Allgäu ist eine wirtschaftsschwache Region, das sieht man schon an der überaus großen Anzahl der Kinder. Diese waren allerdings so ausgezehrt, dass einer im Dunkeln vom Stuhl fiel. Die anderen 340 Schüler waren so unterzuckert, dass sie wegen des Vorfalls anhaltend kichern mussten. Dank, all diesen drei Städten; nur ein Bitte: Ladet uns nur noch mit der Feuerzangenbowle ein. Da überschreien wir euch dann... und werfen “Care” -Pakete in die Menge. Durchhalten wie in der 40ern!
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- Bochum...
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BOCHUM ICH KOMM AUS DIR
Zu schreiben beginne ich heute im Idiom, das man in dieser Gegend spricht: Mit sooo`m Hals und nem Landestheaterfrust abba vom anndern Stern fuhren Iris K. und ich zu einer Premiere ins Schauspielhaus Bochum. Endlich mal kein Gebrauchstheater unter schwierigen Bedingungen sondern endlich mal grosse Kunst! Liebe und Geld von Dennis Kelly in den Kammerspielen. Wie zwei Bauernkinder fühlen wir uns, da wir uns zurechtgemacht haben wie Provinzidioten. Wir sitzen zwischen intellektuell verstrubbelten aschblonden Vollbärten in globalisierungskritischen Parkas und 70er-Jahre-retro-Klamotten, die nun einträchtig mit ihren älteren Kollegen ihrer 68er Elterngeneration der Dinge harren, die da kommen mögen. Über die Bühne huschen schummrige Projektionen aus zwei Beamern, und Musik erklingt wie aus einem Verdauungstrakt. Dann treten Mann und Frau an zwei Mikrophone und sprechen einen über Monate gehenden e-mail-Kontakt nach. Iris K.: „Also, ich bin entsetzt.“ „Was schockiert dich denn“, frage ich, und sie antwortet: „Nichts. Es ist nur unsäglich langweilig.“ Ich werde intellektuell und beginne, es mir selbst zu machen: Anscheinend soll Shoppen als Sucht und Arbeit als die damit verbundene Beschaffungskriminalität das Thema sein zu wollen. Dargestellt werden aber nur Banalitäten, nichts trifft die Sache auf den Punkt. „Die Projektionen erinnern mich ein bisschen an MTV in den 90ern“, sage ich. „Sie irren sich“, antwortet der Herr neben mir, „das Ganze haben wir schon in den 80ern gesehen.“ Auf der Bühne sehe ich eine Livekamera, deren Bild an die Wand projiziert wird. Das hatten wir in Dinslaken schon letzte Spielzeit gemacht, und der Herr neben mir sicher schon in den 80ern. Das Stück ist ab 18 Jahren, weil hinten mal verschämt ein stummer Porno flimmert und am Anfang ein Blutkissen platzt. Niemand wälzt sich in Fäkalien oder masturbiert wenigstens in ein Schnitzel. Da komm ich als kleiner Bayer vom Niederrhein mit meiner Schweizerin im Heidikleid und will mal was sehen, und nix... Doch, da passiert doch was. In einer Szene fährt der eiserne Brandschutzvorhang nach unten, und die Darsteller spielen davor. Dann soll das Ding wieder nach oben fahren, es passiert jedoch nichts. Kunst? Nein: Panne. Hat der Inspizient heimlich geraucht? Eine Darstellerin geht mutig auf das Eisentor zu, als wolle sie es bedrohen. Nichts geschieht. Das wäre in Dinslaken nie vorgekommen! Gelächter im Publikum, die Premiere muss wegen einer kaputten Sicherung 10 Minuten unterbrochen werden. Endlich gibt es Bier. Danach geht es weiter, aber irgendwie auch nicht. Sogar die im Publikum mit den Designerbrillen sind gelangweilt. Verhaltener Applaus am Ende. Wir betrinken uns – wie wir das in Dinslaken auch tun. Und reisen ab. Bochum, ich komm aus dir, und alles was ich über die Avantgarde im deutschen Theater sagen kann ist: im Westen nichts Neues.
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- Techniker
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TECHNIKER
Techniker. Schwarz gekleidet stehen sie im Dunkeln. Nur eine Handbreit von der klingenscharfen Linie, die die Torblende aus dem 800-Watt-Lichtkegel eines HMI-Scheinwerfers herausschneidet. Nur zwanzig Zentimeter neben der Bahre, auf der vielleicht ein König stirbt. Sie drehen sich eine Zigarette oder bohren in der Nase. Sie tragen Schuhe mit Stahlkappen Gürtel mit hartem Werkzeug und kleinen Stablampen. Oft sind sie tätowiert. Graue oder bunte Linien schlängeln sich um ihre Arme und erzählen von einem Leben, einem gelebten oder einem gewünschten. Sie Trinken und rauchen. Die Künstler wissen von über Techniker nur wenig. Sie erscheinen ihnen als rätselhafte Mischwesen, irgendwo zwischen Künstlern und Handwerkern. Heinzelmänner, die schweres Gerät auffahren. Stumme schwarze Riesen, die unvermeidlich kommen und gehen wie die Gezeiten.Techniker hören harte Musik. Schnelles Schlagwerk und knarrende E-Gitarren. Ehrliche Musik, die nichts mit Kunstkacke zu tun hat. Über ihnen stehen die Technischen Leiter. Die sind in der Regel noch härter, hören aber unterschiedliche Musik. Hans-Jürgen B. hört gerne Partyschlager und trinkt nur schwarzen Kaffee, da er Alkohol nicht mehr darf. Kennengelernt habe ich ihn bei Opernfestspielen in Bayern. Während der Vorstellungen bediente er einen riesigen Holzdeckel mit 8 m Durchmesser, unter dem der 20-köpfige Opernchor entschwinden sollte. Ich sollte den Deckel während der Fahrt an einem Kletterseil sichern, falls die Hydraulik versagt und anschließend fest knoten. Dazu wies er mich wie folgt ein: „Hör zu, du kannst mit dem Regisseur da unten gern ein auf Kunst machen, aber die 2 Minuten, wo das Ding fährt, gehört dein Arsch mir. Du schaust nur auf mich und mein Handzeichen, egal, was außenrum passiert. Wenn der Deckel zu früh runtersaust, und Du hältst ihn nicht, gibt’s 20 Tote und ich geh in Knast. Aber vorher krieg ich dich noch am Arsch. Ham wir uns verstanden?“ Das hatten wir. Ich sicherte den Deckel mit klammen Fingern, und starrte nur auf ihn. Die Frauen im Opernchor waren hauteng mit durchsichtigem Nylon bekleidet und darunter splitternackt. Ich starrte nur auf Hans-Jürgen B. und seine Haarige Hand. Der Deckel senkte sich, ich knotete das Seil fest, und niemand starb. Von da an war er mein Freund. Er packte mich und eine 19 jährige Praktikantin ein und fuhr uns mit seinem Geländewagen in eine Dorfdisco, wo man Partyschlager auflegte. Dort sagte er. „Pass auf, Du hast hier alles frei. Cocktails so viel Du willst, und die Puppe da auch. Ich darf nix mehr saufen, aber ich will das sehn, wie ihr Party macht. Ich zahl alles und fahr Euch heim wann Ihr wollt. Ich wagte nicht zu widersprechen und erfüllte die an mich gestellten Ansprüche mit peinlicher Genauigkeit. Er trank schwarzen Kaffee. Um 3h morgens chauffierte er mich und das Mädel, beide rotzbesoffen, in seinem Wagen zurück. Am Ende sagte er mir: „Des war `ne Spitzensause mit euch, aber morgen fahren wir den Deckel genauso präzise wie heut, sonst... naja, du weißt ja bescheid!“
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- Tundra
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TUNDRA
Der weiße Sprinter bockt wie ein betrunkenes Dromedar, und die Stotterbremse des ABS hämmert wie eine alte Kalaschnikoff, als unsere Landestheater-Allzweckreifen hilflos den Schnee pflügen. Wir sind mit unserer Produktion „Letzte Nacht auf Erden“ unterwegs im östlichen Teil Sibiriens wo wir Badberlebjirsk erreichen wollen. Das trostlose Straßendorf hatte seine Blüte zur Zeit Peters des Großen unter dem europäischen Namen Bad Berleburg. Seit Tagen ist es nun schon quasi von der Außenwelt abgeschnitten, hat aber bei uns eine Vorstellung gebucht. Mit 20 km/h schlingern wir im Wald durch enge Haarnadelkurven, und die Sicht im Gestöber beträgt nur wenige Meter. Wir kommen immer wieder an liegen gebliebenen LKWs vorbei, die ursprünglich wahrscheinlich die Wodkareserven von Badberlebjirsk aufstocken sollten. Der starke Schneefall und die extremen Steigungen erlauben uns kein Anhalten. Als wir endlich die stumme Häuseransammlung von Badberlebjirsk erreichen, verwehren uns gedrungene, vermummte Gestalten die Zufahrt auf den Schlossberg. Wer ihn zu nehmen wagt, bezahlt mit dem Leben oder mindestens mit der Vollkasko, sagen sie uns. Also müssen wir einen gefährlichen Umweg machen, der uns an einer untoten ARAL-Tankstelle vorbeiführt. Am Wall des Schlosstors fahren wir uns endgültig fest. Auch schieben hilft nicht. Eine hilflose Gestalt mit einer Schneeschaufel sucht das Weite. Wahrscheinlich ein scheuer Vampir, der keine Fremden mehr gewohnt ist. Auch das Unterlegen einer LKW-Decke hilft nicht. Wir sitzen fest. 50M vor dem Ziel. „Soll ich ihnen helfen?“, weht die brüchige Stimme einer uralten winzigen Frau zu uns herüber. Schieben helfen? Ich überlege kurz, ob es was bringt, sie anstatt der Decke unter den Wagen zu legen, habe aber Angst eventuell gebissen zu werden. Sie entfernt sich lachend. Der Mann mit der Schneeschaufel kommt zurück, und schließlich schaffen wir es doch mit vereinten Kräften und der Decke. Als wir in der Schlossschänke die Bühne aufbauen, sitzt dort die alte Frau, isst und trinkt etwas, das wie Rotwein aussieht. Sie lacht. Brrh! Zwei Punkte zum Thema Gastlichkeit sind übrigens zu vermerken. Der Schauspieler Marco A. hat seine Garderobe auf dem Behindertenklo, wo er wie ein König residiert, und die russische Kellnerin wollte ihre Gäste auch während der Vorstellung bewirten. Als Marco A. in der Rolle des Messias sagt: „Kurz darauf starb mein Vater. Sein Herz hatte am Wegrand zu schlagen aufgehört“, kommt sie mit einem Rotwein rein, gewissermaßen als Herzinfarktsprophylaxe. Ich sage: Niet servierski Glaski paschalsta, und sie verflucht mich. Egal, die Aufführung kam bei allen Vampiren sehr gut an, und man bot an, uns wegen des Wetters „spontan“ unterzubringen. Da wir aber weder Knoblauch noch Holzpfähle dabei hatten, lehnten wir dankend ab und machten uns auf den Rückweg, nicht wieder über den Borgopass, sondern über Kreuztal, ein christliches Dorf deutscher Aussiedler mit weniger Steigung und weniger Schnee.
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- Woyzeck
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WOYZECK...
Das Telefonat mit meiner Mutter hat mich vorige Woche den letzten Nerv gekostet. Sie hat sich über die Woyzeck-Inszenierung am Münchner Residenztheater aufgeregt: „Stell dir vor, das Bühnenbild bestand nur aus prallen blauen Müllsäcken! Darauf sind dann die Schauspieler herumgeturnt. Nichts als Müll! Hat mir überhaupt nicht gefallen.“ - „Herrjeh“, meinte ich, „dann mach dich in Zukunft mal auf was gefasst, denn der Regisseur des Stückes ist der designierte Nachfolger des jetzigen Intendanten dort. Das wird in Zukunft immer so sein.“ „Was die da alles verrichten mussten: Geliebt haben die sich da, und geschlagen und gemordet. Das hat der Autor doch nicht gewollt, dass das alles auf Müllsäcken geschieht.“ Ich musste ihr recht geben, denn blaue Müllsäcke waren zu Büchners Zeit noch weitgehend unbekannt. Meine Mutter weiter: „Ich kann in München seit Jahren nicht mehr ins Theater gehen, ohne, dass da jemand onaniert, oder sich mit Blut und Dreck beschmiert!“ Nach diesem Gespräch kaufe ich mir ein Zugbillett und fahre schnurstracks nach München, um mir diesen Müll anzusehen. Mit in die Vorstellung nehme ich meinen alten Schulfreund Dr. K. einen Forscher auf dem Gebiet der Strömungsmechanik. Wir haben mittelgute Plätze, und vor uns sitzt ein echter Mönch in Kutte und mit Strick um den Bauch. Um uns herum sitzt das Übliche aus Bogner, Gucci und Prada. Es geht los. Ich erblicke tatsächlich gigantische Berge aus Müllsäcken, soweit die Bühne reicht bis hinter zur Brandmauer. Die Darsteller eiern darauf herum, wie auf einer Hüpfburg. Rückständige Verhältnisse. In Dinslaken haben wir drei verschiedenfarbige Tonnen, die regelmässig... ich tippe mir schnell eine Erinnerung in den Handy-Timer, dass wir am Montagabend den Restmüll, das Papier, sowie die gelbe Tonne zur Abholung in die Einfahrt stellen, denn wir gehören zum Abholbezirk 12, und das heisst, Dienstag wird geleert. Der Hauptdarsteller Jens H. schleudert fünf tote Forellen zwischen die Müllsäcke, ganz klar eigentlich ein Fall für die braune Bio-Tonne. Das würde meine Mutter genauso sehen. Der Strömungsmechaniker Dr. K. würde sagen, Forellen gehören in schnell fliessendes, sauerstoffreiches Gewässer. Der Mönch vor uns seufzt. Jaja, der Fisch als Symbol des Lebens und der Vergebung... aber wahrscheinlich hat er einfach nur Hunger. Dann ist reihum im Ensemble jeder einmal nackt, was ich gut und gerecht finde, es wird kopuliert, es gibt sogar eine SM-Szene mit Peitsche, Blut und Striemen, und am Ende ist der Hauptdarsteller nicht nur mit Blut, sondern auch noch mit Dreck verschmiert. Und ich sitze da, mit einem Doktor der Thermodynamik, und wir sehen uns das an, vor uns sitzt ein echter Mönch und sieht sich das auch an. Ist das nun Theater? Ja irgendwie schon, aber ich kann das ganze gar nicht so recht geniessen, da ich dauernd an die Seelenpein meiner Mutter denken muss, die das alles zweifellos auch gesehen hat, und höchstwahrscheinlich hatte sie nicht einmal einen Mönch dabei .
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- Kalter...
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KALTER ENTZUG
Das Freibier im Anschluss an die Premiere von Felix Krull in der Stadthalle und die anschliessende Feier bei Herbert im Bräustüb`l hatten in meinem Inneren derartige Verwüstung angerichtet, dass ich mich nun am Wochenende zu einem Verzicht auf Alkohol und andere Lustbarkeiten gezwungen sehe.Die Phase der Abstinenz kommt zur rechten Zeit, da meine Geliebte, die Schauspielerin Iris K. gerade in Wunstorf gastiert, und ich somit ohne Gesichtsverlust nüchtern bleiben kann. Der Tag beginnt streng puritanisch mit einer Putzorgie, die mir –obwohl Nicht-Schweizer– recht gut von der Hand geht. Nach dem Mittagessen, das ich sogar ohne Anstände bei mir behalten kann, beschliesse ich, für die Rückkehr von Iris K., ein Gulasch zuzubereiten, das ich über zwei Tage in Rotwein köcheln lasse, damit es richtig durchzieht. Das war ein Fehler. Genau beim Öffnen der Flasche beginnt auf WDR5 eine Sendung über Winzer im Nahetal. Ich werde schwach, nippe am Wein, schäme mich gewaltig und gieße ihn schnell und komplett über das zischende Fleisch. Doch alles wird so nur schlimmer. Der Alkohol dampft mir aus dem Topf entgegen, wie die warme Hand einer lockenden Frau. Heilige Maria, ich bin so katholisch! Ich drehe den Herd auf Stufe eins und verlasse die Küche. Der Weinduft kommt hinterher. Ich entfliehe ins obere Stockwerk, versuche die Kolumne für die RP zu schreiben, allein, es geht nicht. Das ganze Haus riecht nach etwas wie Rindfleischpunsch! Es kommt durch alle Ritzen der Türen. Ich betrachte meine Hände, sie zittern nicht, mein Inneres jedoch bebt vor Verlangen nach Wein. Ich wasche eine Trommel Wäsche und rauche ungefähr 60 Zigaretten, nur um etwas anderes zu riechen. Dazwischen koche ich das Weingulasch natürlich rezeptgemäβ mehrmals auf, und die Krämpfe kommen wieder. In den späten Abendstunden ist es überwunden. Mit einem Glas Wasser sitze ich am Rechner und lese meine E-mails. Das Haus habe ich gelüftet, in die Küche, wo das Böse lauert, gehe ich heute nicht mehr, die Wäsche ist auch schon aufgehängt, nur riecht sie natürlich leider nach...nein! Nicht dran denken! Du schaffst es. Auf lese ich, dass eine Gruppe junger Männer Sonntagmorgens kurz vor 10 im volltrunkenen Zustand mit ihrem Fahrzeug 2 Autos beschädigt, und dann zu Fuss die Flucht ergriffen hatten. Schämt euch, ihr Säufer, ich bin ein apollinischer Gott der Nüchternheit. Um 20 vor eins klingelt das Handy. Iris K. Erzählt mir, sie sei mit den Kollegen noch beim Griechen gewesen, habe ½ Liter Wein getrunken, zu viel von dieser Fischpaste gegessen und einen Heidenspass dabei gehabt. Sofort werde ich ausfällig: „Das kann ja wohl nicht sein, du kippst dir mit Freunden die Hucke voll, während ich hier allein beim Wasser sitze!“ Iris K. reagiert ganz ruhig. „Aber Schatz, ich versteh dich nicht. Bei uns ist doch der ganze Keller voll. Trink doch einfach auch einen.“ Neiiiin! Schweiß auf der Stirn! Als wir auflegen, ist mein Entschluss gefasst: Ich mach mir eine Pulle Wein auf und schreibe eine Kolumne. Darüber, wie ich ihn besiegt habe, den kalten Entzug!
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- Entschuldigungsbrief
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ENTSCHULDIGUNGSBRIEF
Sehr geehrte Frau Klein, Da Sie sich auf einem Lyrikabend im November wiederholt besorgt gezeigt haben, dass die jungen Künstler "immer so viel Alkohol trinken müssen", schreibe ich Ihnen nun einen Entschuldigungsbrief. Zu unserer Rechtfertigung haben wir auch nach längerem Nachdenken nur zwei wesentliche Punkte gefunden: 1. die Unmöglichkeit einer Artgerechten Haltung für Schauspieler unterwegs, 2. die Unvermeidbarkeit psychischer Ausnahmezustände. Hier das Fallbeispiel ROMEO UND JULIA im schwäbischen Albstadt: Nach knapp 6 Stunden Fahrt erreicht unser Sprinter ein verschneites Wunderland mit sanften Hügeln, Kuhställen und barocken Kirchen. Doch alle weihnachtlichen Vorsätze sind dahin, als uns an der Landstrasse ein Wirtshaus droht. Die unmittelbare Konsequenz sind schwäbische Maultaschen und ein Gericht, das aus Fleisch mit Wurst als Beilage besteht. Dies bewirkt zwangsläufig, dass die ersten Biere schon um 14.05h getrunken werden müssen. Sebastian T. steckt sich auf der Toilette die Finger in den Hals, aber nicht weil er Bulimie hat, sondern damit die zweite Halbe besser knallt. Nun stoßen die Leute zunehmend schmackhaft auf, weswegen uns der Intendant sofort zum Getränkemarkt fährt, wo wir zwei grosse Kästen einheimischen Bieres kaufen. Weiter geht die Fahrt durch den Schnee, vorbei an KZ-Friedhöfen und Zwiebeltürmchen, eine Mischung, die man ohne weitere Biere kaum ertragen kann. Wir hören Antenne1 im Radio, und als wir in einer Bergkehre beinahe von einem Gülletransporter überfahren werden, läuft gerade "It must have been love but it`s over now" von Roxette. Klar, dass da die Nerven blank liegen. Weiteres Bier folgt. Dann die erzwungene Seriosität vor und während der Vorstellung. Alles wird gut, doch dazu kommt das Problem, dass etliche Schauspieler viel zu früh abgespielt sind, und in den Garderoben die zwei Bierkästen lauern. Schlimmer wird es dann, als wir nach der Vorstellung um 23.30h nirgends mehr etwas zu essen bekommen. Also wieder Bier, ohne dass sich jemand die Finger in den Hals stecken muss. Nun zeigen sich langsam die privaten Schwächen: Der Intendant hält nicht lange genug durch, da er Familienvater ist. Die Darstellerin der Julia stösst spitze Schreie aus, als ein Kollege kalte Kartoffelecken aus seiner Reisetasche anbietet, Romeo spricht morgens um 2 im Hotel entschieden zu laut, weil er die Bühnensprache nicht mehr abstellen kann, und Mercutio verfolgt mit nacktem Oberkörper den Intendanten bis vor dessen Zimmer, wo er auf die Knie sinkt und die Arme hochreißt. Natürlich auch zu laut. Dann rennt er zurück auf sein Zimmer und legt sich schlafen. Die Technik war bei alledem zwar anwesend, hatte sogar Werkzeug mit dabei, aber was sollten sie denn gegen all dies tun? Liebe Frau Klein, sie haben ja so recht, aber, wenn sie wüssten wie groß der Verschleiß an der Front ist! Als wir am nächsten Morgen mit grünen Gesichtern Albstadt verlassen sehe ich mich wie immer nach einem Slogan des örtlichen Turistikvereins um. Doch alles, was ich sehe, ist ein Schild, das "sparsame Verwendung von Streusalz" proklamiert. Liebe Frau Klein, sie müssen zugeben, zumindest daran haben wir uns eisern gehalten. Frohes Fest und guten Rutsch!
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- Peace...
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PEACE REMSCHEID
Irgendwie begann es damit, daß ich in der Fußgängerzone von Remscheid die Straße hinunter einen freien Blick auf die untergehende Sonne über der Panoramakulisse des Bergischen Landes hatte, und vor mir eine dicke Frau ausrutschte und auf den Popo fiel. Sie war gerade dabei gewesen, eine SMS-Nachricht zu lesen und hatte deswegen nicht achtgegeben. „Sowas“, sagte sie und blieb erst mal auf ihrem Popo sitzen um die SMS fertig zu lesen, bevor die wieder aufstand, und lächelnd weiterging. Sehr entspannt, die Leute hier, dachte ich. Kein Wunder, bei dieser schönen Stadt mit der winterlichen Traumkulisse. Schnell kaufte ich mir Geflügelformfleisch im Blätterteigmantel und begab mich zum Theo-Otto-Theater, dessen Schönheit mich in helle Begeisterung versetzte. Ein kleines 50er-Jahre-Theater vom Feinsten. Herrlicher Saal, Rondellfoyer mit alten Lüstern und Resopalstehtischen mit original Messingleisten aus dem Kalten Krieg. Wie im Film auch die Garderoben mit Schminktischlämpchen und Bakelit-Schaltern. Auch die Haustechniker und die Veranstalterin waren sehr sympathisch, und ich verzieh dem Haus sogar, daß es keine Kantine hatte. Auf dem Rückweg vom Damenklo (ich hab’s nun mal gern sauber und niveauvoll) stieß ich jedoch auf die Aushänge am „schwarzen Brett“, zwischen denen sich beim genaueren hinsehen ein durchaus roter Faden zog. Erst las ich dies: „Liebe KollegInnnen, da unsere Leitung auch in diesem Jahr wieder beweist, daß Menschenführung kein Thema in der Berufsausbildung war, und allgemeine Höflichkeitsformen gänzlich unbekannt sind, möchte ich hiermit die Gelegenheit nutzen, euch allen für die gute Zusammenarbeit im Jahr 2008 zu danken und den Blick gemeinsam auf das Jahr 2009 zu richten! Sunny.“ Oha. Und so was lassen die auch noch hängen! Mein Interesse ist geweckt, und ich lese daneben einen Jahresgruß der Oberbürgermeisterin B. Wilding. U.a stand da: „…Jeder von uns kann einen kleinen Beitrag zum Frieden zwischen den Menschen stiften […] das drückt die Solidarität und den Gemeinschaftssinn der Menschen aus. Für diese zahllosen Zeichen des Friedens und des Miteinanders möchte ich Ihnen zum Jahreswechsel meinen Dank aussprechen.“ Also, der Frieden scheint von diesem Theater ausgehend einen hohen Stellenwert in der ganzen Stadt errungen zu haben. Meine inzwischen feuchten Augen schweifen hinüber zu einem Weihnachtsgruß des SPD-Vorstandsvorsitzenden und seines Stellvertreters mit einem Zitat eines amerikanischen Schriftstellers namens Huges Mearns: „Nicht das, was man sagt, sondern wie man es sagt, macht den feinen Unterschied in menschlichen Beziehungen aus.“ Bin gerührt. Besser hätte man es nicht ausdrücken können. Wer schreibt, der bleibt, und alles Gesagte verhallt in menschlichem Wohlwollen und Friedfertigkeit. Peace Remscheid, du bist auf einem Guten Weg!
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IN ARTE KWASTAFER
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